Strohwitwe
التعريفات والمعاني
== Strohwitwe (Deutsch) ==
=== Substantiv, f ===
Nicht mehr gültige Schreibweisen:
bis 1901: Strohwittwe
Worttrennung:
Stroh·wit·we Plural: Stroh·wit·wen
Aussprache:
IPA: [ˈʃtʁoːˌvɪtvə]
Hörbeispiele: Strohwitwe (Info)
Bedeutungen:
[1] umgangssprachlich scherzhaft: vorübergehend zurückbleibende Partnerin in einer Lebensgemeinschaft, deren Partner beziehungsweise Partnerin für eine gewisse (eher kürzere als längere) Zeit abwesend ist
Herkunft:
strukturell:
Determinativkompositum aus den Substantiven Stroh und Witwe
etymologisch:
Das Wort ist erst seit Anfang des 18. Jahrhunderts bezeugt. In den germanischen Sprachen begegnen jedoch eine Reihe zum Teil älterer Bildungen ähnlicher Art:
englisches grass widow → en (1528) zunächst ‚Mätresse‘, ‚unverheiratete Frau, die mit einem oder mehreren Männern zusammengelebt hat‘, im 18. Jahrhundert wiederbelebt in der Bedeutung ‚eine, die vorgibt, verheiratet zu sein, und schon Kinder hat‘, im 19. Jahrhundert dann ‚verheiratete Frau, dessen Ehemann abwesend ist (und von dem angenommen wird, er sei tot)‘, mitunter auch auf geschiedene oder abservierte, vernachlässigte Ehefrauen oder auf unverheiratete Frauen mit Kind bezogen;
mittelniederdeutsches graswēdewe → gml (16. Jahrhundert [1598]) ‚Mädchen, das keine Jungfrau mehr ist‘;
niederländisches grasweduwe → nl ‚verheiratete Frau, dessen Ehemann vorübergehend abwesend ist‘; hierzu auch haagweduwe → nl zunächst ‚unverheiratete Frau mit Kind(ern)‘, heute noch regional (Antwerpen) in der Bedeutung ‚verheiratete Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde oder ihn hinausgeworfen hat‘, wobei haag- (frühneuniederländisch haeck-) für ‚Hecke‘ und ‚Heuschober‘ steht;
dänisches græsenke → da (um 1700) ‚Frau, dessen Mann (vorübergehend) abwesend ist‘, daneben auch (vielleicht bereits unter Einfluss des deutschen Wortes) veraltetes straaenke → da (um 1700) ‚Frau, die allein lebt, während ihr Mann abwesend ist‘;
schwedisches gräsänka → sv (1738) ‚verheiratete Frau, deren Mann zurzeit abwesend ist‘, mundartlich auch ‚verdorbenes Mädchen‘.
Somit steht das deutsche Strohwitwe in einem großräumigen Kreis entsprechender Bezeichnungen wie „Gras“ („Hecken“, „Heuschober“)-witwe, seine semantische Herausbildung vollzieht sich ebenfalls großräumig und ist ab dem 16. Jahrhundert belegt. Das Signifikat ‚Frau, deren Mann verreist ist‘ steht mit dem offensichtlich älteren ‚(unzüchtiges) Mädchen, das keine Jungfrau mehr ist‘ in Verbindung (vergleiche spätmittelhochdeutsches strōbrūt → gmh ‚Mädchen, das schon vor der Hochzeit ein Kind erwartet‘, schwäbisches Strohjungfer ‚die schon einmal auf dem Stroh gelegen oder sonst anrüchig ist und den [Stroh]-kranz verdient‘, wobei auf dem Stroh liegen ‚in Kindesnöten sein‘ und Strohkranz ‚Kranz aus Stroh, für gefallene Mädchen‘ bedeutet). Gemeinsamer semantischer Ausgangspunkt der Bestimmungswörter all dieser Zusammensetzungen ist wohl die ‚Lagerstatt‘ (Gras, Heuschober, Stroh [speziell das Bettstroh] beziehungsweise [Platz hinter der] Hecke), auf der das Mädchen als ‚Witwe‘ verlassen wurde. Der scherzhafte Gebrauch dieser Benennungen auf eine Frau, die nur vorübergehend als ‚Witwe‘ verlassen wurde, lag nahe, wie sich in einem Beispiel aus Goethes Faust zeigt; dort klagt die zurückgelassene Marthe über ihren Ehemann:
„Gott verzeih’s meinem lieben Mann,
Er hat an mir nicht wohl gethan!
Geht da ſtracks in die Welt hinein,
Und laͤßt mich auf dem Stroh allein.“
Grimm zufolge sind Erklärungsversuche, die allein vom Bedeutungsbereich der Komposita mit Stroh- ausgehen – beispielsweise die Herleitung von Strohmann ‚kein wirklicher Mann‘ (wonach Strohwitwe ‚keine wirkliche Witwe‘) – verfehlt. Auch sei der begriffliche Zusammenhang mit der seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren Sitte des Strohkranzes kaum ursprünglich, jedoch könne sie eine sekundäre Einwirkung auf die Verbreitung des Wortes Strohwitwe gehabt haben.
Synonyme:
[1] bairisch, sonst veraltet: Strohwittib
Sinnverwandte Wörter:
[1] grüne Witwe, lustige Witwe, politische Witwe, weiße Witwe
Männliche Wortformen:
[1] Strohwitwer
Beispiele:
[1] „Himmliſch kannſt du ſprechen, Herzkind, und einer jungen Strohwittwe, die noch dazu das Unglück hat, ſelbſt in ihren Landläufer von Gemahl verliebt zu ſeyn, den Kopf ſchon verdrehen; aber kennſt du die Welt, das taube, hartmäulige Thier?“
[1] „Liduſchka, die Schwiegertochter des alten Richters, die junge Strohwittwe, wie man ſie im Dorfe nannte, weil ihr die Kaiſerlichen ihren Mann kurze Zeit nach der Hochzeit als Soldaten weggeführt hatten, Liduſchka hatte hinter dem Ofen alles geſehen und gehört, was in der Stube vorging.“
[1] „Am folgenden Tage übernahm ein gutmüthiger College unſere Praxis und trug leicht an der Laſt; am zweiten Tage nach Empfang des Briefes, Morgens um ſieben und ein halb Uhr, war ich zum erſten Mal zu einer jungen betrübten Strohwittwe geworden, welcher von allen Vergnügungen des Daſeins nichts weiter übrig geblieben war, als nach dem nothdürftigſten Verſiegen der Trennungstränen erſt die Wohnung von hinten und vorn zu ſcheuern, dann die große Wäſche anzuſtellen und zuletzt matt, weich und wehmüthig bei den Eltern Troſt und Schutz zu ſuchen.“
[1] „Und ihre Arme von hinten um Lottes Hals schlingend, fuhr Lena lustig fort: ‚Beichte nur gleich, Lottchen, dass Du am ersten Feiertag Strohwitwe bist. …. Frau Wohlgebrecht wird sich Deiner gewiss mit Freuden annehmen. […]‘“
[1] „Die Regierung trommelte aus ganz Ungarn Ehefrauen der Honved-Spieler zusammen, meldete ein Ferngespräch nach Rio an und drückte den Strohwitwen der Reihe nach den Hörer in die Hand, […]. Die Frauen waren seinerzeit mit ins Ausland geflüchtet, aber inzwischen nach Ungarn zurückgekehrt. Die derart massiv über den Atlantik gehauchte Sehnsucht der Strohwitwen nach ihren Männern, die einzeln an den Apparat zitiert wurden, gipfelte jeweils in der Beschwörung: ‚Nun sei doch lieb und komm' nach Haus!‘“
[1] „Da standen nun die drei trauernden Strohwitwen den lieben langen Tag vor der verschlossenen Pforte, ergingen sich in beweglichen Klagen und forderten laut und stürmisch das ›Diebesgut‹ zurück.“
[1] „Die zurückgebliebenen Strohwitwen auf Andros müssen den unsteten Lebenswandel ihrer Göttergatten kompensieren.“
[1] „Ich wurde in einer jüdischen Familie in Brasilien geboren. Mein Vater stammt aus Polen, meine Mutter aus Bessarabien. Mein Opa mütterlicherseits hatte seinerzeit gehört, dass Brasilien ein Eldorado sei, und wollte sein Glück versuchen. Meine Oma folgte ihm samt Tochter Jahre später: Sie war eine sehr mutige Frau und war es leid, als Strohwitwe zu leben.“
==== Übersetzungen ====
[1] Wikipedia-Artikel „Strohwitwer“
[1] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache „Strohwitwe“
[*] Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch – elexiko „Strohwitwe“
[1] The Free Dictionary „Strohwitwe“
[1] Duden online „Strohwitwe“
[1] Großes Wörterbuch der deutschen Sprache „Strohwitwe“ auf wissen.de
[1] PONS – Deutsche Rechtschreibung „Strohwitwe“
[*] Uni Leipzig: Wortschatz-Portal „Strohwitwe“
[1] Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961 „Strohwitwe“
[1] Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. 10 Bände auf CD-ROM ; mehr als 200 000 Stichwörter mit rund 90 000 Belegen aus mehreren Hundert Quellen ; vielfältige Recherchemöglichkeiten ; für MS Windows und Apple Macintosh. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2000, ISBN 978-3-411-71001-0 , Stichwort »Strohwitwe«.
[1] Renate Wahrig-Burfeind (Herausgeber): Wahrig, Deutsches Wörterbuch. 9. Auflage. Wissen-Media-Verlag, Gütersloh/München 2011, ISBN 978-3-577-07595-4 , Stichwort »Strohwitwe«, Seite 1432 (Internet Archive).
Quellen: